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Interview mit Wulf Dorn 9. Juni 2010

Einsortiert unter: Autoreninterviews — thedianabooks @ 10:20

 

Fotograf: Frank Riederle | © 2009 Wulf Dorn

 

Wulf Dorn:

Wulf Dorn, 1969 geboren, schreibt seit seinem zwölften Lebensjahr. Seine Kurzgeschichten sind in Anthologien und Zeitschriften erschienen und wurden mehrfach ausgezeichnet. Die Faszination für das Unheimliche und Geheimnisvolle führte ihn zunächst in das Horror-Genre, ehe er die Spannbreite des Thrillers für sich entdeckte. Neben dem Schreiben unterstützt der ausgebildete Fremdsprachenkorrespondent seit 1994 die Patienten einer psychiatrischen Klinik in der beruflichen Rehabilitation. Mit seiner Frau und einer Glückskatze lebt er in der Nähe von Ulm.

 

Veröffentlichungen:

Trigger (2009)

Kalte Stille (2010)

 

Autorenhomepage:

Wulf Dorn

 

 

 

 

 

 

 

War das Schreiben schon immer ein Traum von Dir?

Ich habe mir schon als kleiner Junge gerne Geschichten ausgedacht – sehr zum Leidwesen meiner Umgebung, die sich nicht immer sicher sein konnte, ob nun wahr ist, was ich erzähle, oder ob mal wieder meine Phantasie mit mir durchgeht. Angeblich soll ich schon als Fünfjähriger meiner Großmutter angekündigt haben, dass ich eines Tages Bücher schreiben werde. Daran kann ich mich zwar nicht mehr erinnern, aber ich weiß noch sehr gut, wie ich mit zwölf meine erste Kurzgeschichte verfasst habe. An einem verregneten Ferientag, mit Kugelschreiber in ein Vokabelheft – statt zu büffeln. Das endete mit einer Zwei in Deutsch und einer Fünf in Latein.

 

Wie gehst Du bei den Recherchearbeiten für Deine Bücher vor? Reist Du an die Orte oder informierst Du Dich anders?

Wann immer es mir möglich ist, sehe ich mir die Orte zuerst an, über die ich schreibe. So erfahre ich Dinge, die über die räumliche Szenerie hinausgehen. Stimmung, Geräusche, Gerüche usw. Das sind wichtige Instrumentarien, wenn man Atmosphäre erzeugen will. Außerdem können Fotos allein trügerisch sein, wenn man sich um Authentizität bemüht. Du siehst eine wunderbare Landschaftsidylle, denkst, dass dort nur Grillen zirpen und Vögel zwitschern – und vor Ort stellst Du dann fest, dass der Fotograf eine lärmende Schnellstraße im Rücken hatte.

Bei „Trigger“ und auch in „Kalte Stille“ habe ich viele reale Eindrücke verarbeitet, auch wenn es sich bei den meisten Schauplätzen um fiktive Orte handelt. Die „Waldklinik“ zum Beispiel ist eine Mixtur aus drei verschiedenen Psychiatrien, die ich vor dem Schreiben besucht habe. Der verlassene Therapiekeller in „Trigger“ entstammt meinen Eindrücken von einer rumänischen Klinik, die vor vielen Jahren geschlossen wurde und nun als Museum dient. Und Fahlenberg hat große Ähnlichkeit mit zwei Orten, in denen ich gelebt habe. Insbesondere die Kantstraße, deren Beschreibung sich für den einen oder anderen wie ein Klischee anhören muss. Aber das wahre Leben schreibt nun einmal die besten Klischees.

 

Wie entscheidest Du Dich für die Namen Deiner Protagonisten?

Wenn ich Figuren entwickle, beginne ich mit ihrem Lebenslauf. Ich schreibe mir auf, woher sie kommen, wie ihr Werdegang gewesen ist, in welchem sozialen Umfeld sie aufgewachsen und wer ihre Eltern sind. Irgendwann während dieser Phase fällt mir dann der Name zu der Person ein. Das geht meist wie von selbst.

Es gibt aber auch ein paar Ausnahmen. In „Trigger“ habe ich vier Nebenfiguren durch ihre Namensähnlichkeit guten Freunden gewidmet, und in „Kalte Stille“ tauchen zwei Personen auf, deren Namen als Hommage gedacht sind. Der eine bildet das Anagramm einer Figur aus Stephen Kings „Salem’s Lot“ und der andere trägt die selben Initialen wie ein Autor, dessen Bücher mich ebenfalls beim Schreiben inspiriert haben.

 

Tauchen in Deinen Büchern Personen auf, die Du kennst? Oder verwendest Du bestimmte Charaktereigenschaften?

Ich glaube, beim Schreiben lässt es sich nie ganz vermeiden, charakterliche Anleihen bei seinem Umfeld zu nehmen – und natürlich auch bei sich selbst. Trotzdem sind sämtliche meiner Figuren frei erfunden. Ich lege es nicht darauf an, reale Vorbilder zu verwenden, sondern orientiere mich bei meinen Charakteren an ihren Lebensläufen, aus denen sich die meisten persönlichen Eigenschaften ableiten lassen.

 

Wie bist Du auf die Idee zu „Trigger“ gekommen?

Ausschlaggebend war die Geschichte, die mir eine Tante vor vielen Jahren erzählt hat. Ich war bei ihr in den Ferien zu Besuch und entdeckte in einem Waldstück hinter ihrem Haus die Überreste einer Ruine. Als ich erfuhr, was dort um die letzte Jahrhundertwende geschehen war, ließ mich diese Geschichte nicht mehr los. Irgendwann wollte ich darüber schreiben, das stand schon damals für mich fest. Doch es vergingen noch über fünfundzwanzig Jahre, ehe daraus die Grundlage für „Trigger“ wurde.

 

Ende August erscheint Dein neuer Thriller „Kalte Stille“. Auch dieses Mal ist der Schauplatz die Waldklinik in Fahlenberg. Werden auch Personen aus „Trigger“ auftauchen?

Ja, wir werden ein paar bekannten Gesichtern wiederbegegnen und sie besser kennenlernen. Immerhin spielt die Geschichte nur kurze Zeit nach den Ereignissen von „Trigger“. Dennoch ist „Kalte Stille“ keine Fortsetzung, sondern ein eigenständiger Roman, in dem die Leser auch viele neue Bekanntschaften machen werden.

Für mich war das Schreiben dieses Romans wie die Rückkehr an einen liebgewonnenen Ort. Vor allem, weil Fahlenberg noch einige Geheimnisse birgt, die es zu lüften gilt.

 

Wie viel Zeit verbringst Du am Tag mit dem Schreiben?

Das kann ich Dir nicht pauschal beantworten, denn über das Schreiben hinaus beschäftigt man sich auch gedanklich viel mit der Geschichte und stellt Recherchen an. Wenn Du so willst, dreht sich während der Arbeit an einem neuen Roman mein ganzer Tag ums Schreiben, auch wenn ich nicht an der Tastatur sitze. Beispielsweise habe ich im Auto immer ein Diktiergerät bei mir, auf dem ich Ideen festhalten kann, oder ich kritzle in mein Notizbuch, wenn ich irgendwo unterwegs bin. Und es kommt nicht selten vor, dass ein Freund, der abends nur mal auf ein Bier mit mir weggehen wollte, genervt die Augen verdreht, wenn ich geistig wieder irgendwo in der Story unterwegs bin, statt mich zu unterhalten.

 

Gibt es bestimmte Plätze, an denen Du am liebsten schreibst?

Ich liebe Orte, an denen ich ungestört bin. Keine Menschen, kein Telefon oder Emails, einfach nur Ruhe. Während der kalten Jahreszeit verkrieche ich mich am liebsten in mein Arbeitszimmer, und sobald es warm wird, zieht es mich ins Freie. Früher habe ich auf einer einsamen Bank an einem Fluss geschrieben. Seit meine Frau und ich vor einem Jahr umgezogen sind, haben wir einen großen Garten hinter dem Haus, der herrlich versteckt liegt. Nun nutze ich jeden Sonnenstrahl und schreibe unter Apfelbäumen.

 

Was war Dein bisher schönstes Erlebnis im Bezug auf den Erfolg Deines Buches?

Die vielen netten Leserzuschriften, die ich seither erhalte. Und natürlich so begeisterte Videorezensionen wie zum Beispiel von einer gewissen Diana :-) . Es freut mich riesig, dass „Trigger“ so vielen Lesern gefällt, und mich immer wieder Fragen erreichen, wann denn endlich das nächste Buch erscheinen wird. Das ist das schönste Kompliment, das man als Autor bekommen kann.

 

Hast Du Dich auf das Genre „Thriller“ festgelegt, oder könntest Du Dir vorstellen auch Bücher aus einem anderen Genre zu schreiben?

Nun ja, genau betrachtet tue ich das ja schon. Denn auch wenn auf dem Buchumschlag „Thriller“ steht – damit der Buchhändler weiß, in welches Regal er meine Bücher stellen muss –, sind meine Romane eigentlich eine Mischung aus Thriller, Horrorliteratur, Drama und ein klein wenig Autobiografischem, um das wohl kaum ein Autor herumkommt. Aber wer weiß, vielleicht werde ich tatsächlich auch mal einen Ausflug in ein ganz anderes Genre machen. Irgendwann.

 

Bitte vervollständige den folgenden Satz: Schreiben ist für mich…

Entdecken.

 

Hast Du Tipps für Leute, die selbst ein Buch schreiben bzw. veröffentlichen möchten?

Der aus meiner Sicht wichtigste Tipp ist, beim Schreiben nicht gleich ans Veröffentlichen zu denken. Das kommt danach. Zuerst einmal zählt die Geschichte. Das ist wie bei einem Geschichtenerzähler am Lagerfeuer. Wenn er es schafft, dass es mucksmäuschenstill um ihn wird und seine Zuhörer beim Knacken eines Scheits zusammenzucken, ist ihm etwas Großartiges geglückt. Mit so einer Geschichte lässt sich dann auch ein Verlag überzeugen.

Aber man darf sich auch nichts vormachen. In der Buchbranche weht ein rauer Wind und der Weg zur Veröffentlichung ist mit vielen Stolpersteinen und Selbstzweifeln gepflastert. Bei mir hat es viele Jahre gedauert, ehe es mit dem ersten Roman geklappt hat. Außerdem muss man sich auch darauf einstellen, dass es immer Leser geben wird, denen dein Buch nicht gefällt. Und manchmal trifft Dich deren Kritik richtig hart. Auch damit muss man umzugehen lernen. Deshalb ist das Allerwichtigste, dass Du von dem überzeugt bist, was Du tust. Klingt vielleicht abgedroschen, ist aber so.

 

Liest Du privat auch viele Bücher? Wenn ja, welches Genre liest Du am liebsten? Kannst Du Dich auf einen Lieblingsautor und ein Lieblingsbuch festlegen?

Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht wenigstens ein paar Seiten lese. Meistens abends, statt mich vor dem Fernseher zu langweilen. Einen bestimmten Lieblingsautor oder ein Lieblingsbuch kann ich Dir nicht nennen. Dafür gibt es zu viele Favoriten in meinen Regalen, und deren Genres sind sehr unterschiedlich. Natürlich lese ich viele Thriller und Horrorliteratur, aber auch Reiseberichte, Klassiker oder Humorvolles. Darüber hinaus interessiere ich mich sehr für Biografien und stöbere gern in Fachbüchern über Anatomie, Psychopathologie und Hirnforschung. Und ganz aktuell liegt ein Ratgeber auf meinem Lesetisch. Wie man Steingärten anlegt.

 

Wie können wir uns einen typischen Wulf Dorn-Tag vorstellen?

Ich bin ein Frühaufsteher. Spätestens um sieben bin ich auf den Beinen. Drei Tage in der Woche arbeite ich tagsüber in einer psychiatrischen Klinik. An meinen vier Schreibtagen führt der erste Weg über die Kaffeemaschine zur Tastatur. Bis Mittag schreibe ich, dann gehe ich für eine halbe Stunde entweder spazieren oder joggen, beantworte die Post und kümmere mich um Alltägliches und den Haushalt. Der Abend gehört meiner Frau, unserer Katze und Freunden.

 

Welche drei Charaktereigenschaften beschreiben Dich am besten?

Au weh, darauf zu antworten ist nicht leicht. Ich würde sagen: Neugierig, eigenwillig und – auch wenn man mich oft anders einschätzt – schüchtern. Okay, meine Frau liest gerade mit und nickt, also stimmt es wohl. :-)

 

Mich persönlich würde sehr interessieren, ob Du weißt, was aus Lara Baumann geworden ist. ;)

In „Kalte Stille“ kannst Du es selbst herausfinden. An einer Stelle wird ihr Jan Forstner kurz begegnen. Du musst nur genau hinschauen.

 

 

Lieber Wulf, ich möchte mich ganz herzlich bei Dir für dieses schöne, interessante, ehrliche und lustige Interview bedanken. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht deine Antworten zu lesen. :)

Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg, vor allem mit Deinem neuen Buch “Kalte Stille”. Ich bin schon sehr gespannt darauf.

 

© TheDianaBooks 

 

 

6 Antworten zu „Interview mit Wulf Dorn“

  1. Silke Sagt:

    Hallo Diana,

    jetzt muss ich doch auch mal mein Lob loswerden :-)
    Ich bin seit kurzer Zeit stille ;-) Leserin deines tollen Blogs.

    Das Interview mit Wulf Dorn ist richtig klasse. Nachdem mir “Trigger” sehr gefallen hat, warte ich auch schon sehnsüchtig auf “Kalte Stille”.

    LG,
    Silke

  2. Wulf Dorn Sagt:

    Liebe Diana,

    das Vergnügen war ganz auf meiner Seite! Herzlichen Dank für Dein Interesse und die interessanten Fragen. Ich wünsche Dir und den Besuchern Deines Blogs sonnige Sommertage und weiterhin viele spannende Leseerlebnisse.

    Herzliche Grüße
    Wulf

  3. Sandra Sagt:

    Wie kommst du immer an Interviews mit Autoren ran?? Toll! :)

  4. Kerstin Sagt:

    wow, tolles Interview Diana! Da bin ich ja jetzt schon mächtig auf “Kalte Stille” gespannt, da mir “Trigger” auch so gut gefallen hat :)

  5. Ela Sagt:

    Hallo,

    danke für das tolle und interessante Interview!
    Trigger ist ein wirklich tolles buch und noch mehr freue ich mich auf Kalte Stille.

    LG Ela


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